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Stinnes und Mülheim

Mathias Stinnes gestorben, auch Anlass zum Gedenken an das enorme Wirken der Stinnes-Familie in Mülheim, im Ruhrgebiet und dem Rest der Welt

Unten stehende eher beiläufige Meldung „Mathias Stinnes gestorben“ war am Sa., dem 23. Jan. 2016, in den Mülheimer Lokalmedien zu lesen. Die Familie Stinnes und deren Imperium aber waren für Mülheim, für das Ruhrgebiet und den Rest der Welt von überragender Bedeutung, mindestens so schwerwiegend wie der Thyssen-Clan oder die Haub-Familie, denen das Tengelmann-Imperium gehört.

Thyssen-VillaIm Wald im Uhlenhorst im sog. „Tal der Könige“ (=Stahlbarone) finden sich u.a. die ehemalige Thyssen-Villa (Bild rechts), zwischenzeitlich residierte dort der ex-RWE-Chef und Stahlmilliardär Großmann, und gegenüber die ehemalige Stinnes-Villa, in der heute Frau Grillo wohnt, Olympiasiegerin und Mitinhaberin des Grillokonzerns, dessen Chef BDI-Präsident ist. Auf der anderen Seite der Thyssen-Villa Streithofliegt im Wald der geschichtsträchtige schlichtere Streithof des Kohle- und Stahl-Managers Emil Kirdorf, der 1931 dort einen gewissen A. Hitler mit den wichtigsten Kohle- und Stahlindustriellen zusammen brachte. (heute residiert dort ein hoher ex-Manager von Karstadt/Arcandor). ev. AkademieUnweit auch die Villa Küchen des Kommerzienrats und Direktors im Stinnes-Konzern, später die evangelische Akademie und heute Edel-Senioren-Residenz. Jedenfalls war Hitler häufig zu Gast im Uhlenhorst.
Im Stinnes-Hochhaus am Rhein-Ruhr-Zentrum (auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Rosenblumendelle, an der auch Stinnes beteiligt war) befindet sich (noch) die Firma Brenntag als heutiger Weltmarktführer im Chemiehandel.Brenntag Einst war sie von Stinnes im Vorgriff auf eine drohende Arisierung während der NS-Zeit übernommen worden. 2003 übernahm die Deutsche Bahn AG die Stinnes AG, mit ihr auch die Brenntag und veräußerte diese später an US-equity-fonds.
Und ohne die Stinnes-Stiftung würde übrigens Vieles in Mülheim nicht gehen, gäbe es die Augenklinik so nicht, den Stadionumbau, das stadtgeschichtliche Museum und alljährlich unzählig viele Kleinprojekte.
Es gibt noch etliche andere Zeugnisse überall in Mülheim aus der Stinnes-Ära, die lokal, regional und weltweit geschichtsträchtig war.

Kurzum: Der Tod „eines der letzten großen Unternehmer des Stinnes-Imperiums“ (s.u.) könnte und sollte durchaus auch zur Geschichtsauffrischung genutzt werden!

Falli3P.S.: Selbst das Jahrzehnte lang extrem störende skandalöse Fallwerk Jost am Rande der Wohngebiete von Hofacker- und Eltener Str. in Speldorf wäre ohne Stinnes so nicht möglich gewesen. Als dieses auf dem Gelände der aufgeschütteten Speldorfer Äu angesiedelt werden sollte, waren die beiden Monster-Falltürme an der Weseler Str. vorgesehen. Doch Stinnes von gegenüber soll gesagt haben „Das kommt mir nicht vor die Nase“. Und weil Worte von Stinnes in den 50er Jahren in Mülheim Befehle waren, wurden die Falltürme eben nach hinten an den Rand der Wohngebiete aufgebaut.

Mathias Stinnes gestorben
WAZ/NRZ Mülheim 23.01.2016, nachzulesen hier
“Mathias Stinnes, einer der letzten großen Unternehmer des Stinnes-Imperiums, ist tot. Der 74-Jährige starb bereits am 14. Januar in Hamburg, wie seine Büroleiterin Gabi Orlowski in Burg Schlitgestern (Landkreis Rostock) sagte: „Es war für uns alle unerwartet.“ Er lebte zuletzt auf Burg Schlitz in der Mecklenburgischen Schweiz. Stinnes war in sechster Generation Chef des Industriekonglomerats Hugo Stinnes. In einem Interview verriet er letztes Jahr: „Meinen größten Fehler habe ich zweimal gemacht, mit Regierungen Geschäfte zu machen.“ Das sei schief gegangen, weil nach Vertragsabschluss „Entscheidungen gegen jede wirtschaftliche Logik fielen“ oder die Regierung wechselte.
Der Unternehmer war lange Jahre Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung MIT im Nordosten. Die Familie Stinnes hatte Anfang des 20. Jahrhunderts einen der größten Handels- und Industriekonzerne Deutschlands aufgebaut. Nach Auflösung des Imperiums hatte Mathias Stinnes unternehmerisch keine Aktivitäten mehr in Mülheim. Die Familie hat eine große Familiengruft auf der Altstadtfriedhof, wo seine Urne im Februar beigesetzt wird.“

Rein zufällig war gleichzeitig folgende Meldung in der lokalen WAZ:
„Fräulein Stinnes gibt Gas“: WDR zeigt Doku über eine starke Frau
WAZ 22.1.16 hier
Der Artikel endet so:
„Fazit: Gelungener (Rück-)Blick auf eine Ruhrgebietspersönlichkeit. • WDR, Freitag, 22. Januar, 20.15 Uhr“
Kommentar im WAZ-Blog unter dem Artikel: „Eine sehr interessante, amüsante Dokumentation. Eine schon früh emanzipierte, steinreiche Industriellentochter rattert um die Welt, verliebt sich in ihren Kameramann und zieht schließlich mit ihm nach Schweden, um das Landleben mit Tieren zu genießen. Schöner kann kein Märchen sein.“

Doch die Familie Stinnes steht für enorm
viel mehr als ein Märchen.

Sie war Mit- und sogar Hauptinitiator der Entstehung des gesamten Ruhrgebiets, hat von Mülheim aus einen Weltkonzern aufgebaut und betrieben, hat u.a. das RWE gegründet, war als Stahlkonzern nicht unwesentlich auch an den beiden Weltkriegen beteiligt, nicht zuletzt auch den großen Verbrechen der 12 Jahre Nazi-Herrschaft.
Nach Kriegsende hat Hugo Herrmann Stinnes dem vielfachen Kriegsverbrecher und führenden Nazi-Kopf Werner Best Unterschlupf gewährt, indem er ihn an der Weseler Str. in der damaligen Stinnes-Zentrale (später Clark-Gelände) als Justiziar anstellte. Der konnte von dort aus immer wieder als Unterstützer und Entlastungszeuge in wichtigen Nazi-Prozessen auftreten, während die Prozesse gegen ihn selbst immer wieder verschoben wurden, bis er „unbehelligt“ 1989 in seiner Villa an der Mendener Straße das Zeitliche segnete.
Man darf gespannt sein, ob zumindest die Lokalmedien den Tod von M. Stinnes auch zum Anlass nehmen, über die herausragende Bedeutung und auch die Zwiespältigkeit des Wirkens der Stinnes-Familie mal zu berichten, welche Mülheim geprägt hat, wie niemand sonst!

Im folgenden Auszüge aus Wikipedia zu W. Best, einem der führenden Köpfe der Nazi-Schreckensherrschaft, nachzulesen hier
Karl Rudolf Werner Best (* 10. Juli 1903 in Darmstadt; † 23. Juni 1989 in Mülheim an der Ruhr) war ein promovierter deutscher Jurist, Polizeichef, SS-Obergruppenführer und Politiker der NSDAP.
Als „Theoretiker, Organisator und Personalchef der Gestapo“ hatte er eine wichtige Funktion bei der Etablierung der Gestapo und der Gründung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Die Konzeption und die erstmalige Aufstellung sogenannter Einsatzgruppen geht auf ihn zurück. Innerhalb der SS galt er zeitweise als „führender Großraumtheoretiker“. Bekannt wurde er als Planer eines nicht erfolgten Putsches der NSDAP (1931), später dann als Stellvertreter von Reinhard Heydrich in der Führung des SD (1934–1940) sowie als deutscher Statthalter im besetzten Dänemark (1942–1945). Weniger bekannt ist seine Tätigkeit als hoher Offizier der Wehrmacht in der deutschen Militärverwaltung des besetzten Frankreich (1940–1942).
Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er eine wichtige Rolle bei dem erfolgreichen Versuch, durch verdeckte Einflussnahme auf Prozesse und Gesetzgebung in der Bundesrepublik die Strafverfolgung von NS-Tätern zu erschweren. Einer Ahndung seiner eigenen Verbrechen konnte er sich weitestgehend entziehen. Er starb kurz vor der Eröffnung des Hauptverfahrens gegen ihn… ……………….
Das Kopenhagener Stadtgericht verurteilte ihn am 20. September 1948 erstinstanzlich zum Tode. Im Berufungsverfahren wurde die Strafe jedoch in fünf Jahre Haft umgewandelt, von denen er vier bereits abgesessen hatte. Auf bundesdeutschen Druck hin, und nachdem auf die erste Aufarbeitungsphase der NS-Besatzung in Dänemark eine Schlussstrichdebatte folgte, wurde Best am 24. August 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben.
Best wurde im März 1946 nach Deutschland verbracht, um vor dem Internationalen Militärgerichtshof in den Nürnberger Prozessen auszusagen. Als Zeuge der Verteidigung gelang es ihm, die Ankläger und Richter über die tatsächlichen Gegebenheiten im RSHA im Unklaren zu lassen und insbesondere das Verhältnis von SS und Politischer Polizei zu verschleiern…………..
Best trat nun auf Vorschlag von Hugo Hermann Stinnes in dessen Unternehmen ein und wechselte damit endgültig in die Privatwirtschaft. Als Justitiar und Direktoriumsmitglied der Dachgesellschaft der Stinnesschen Unternehmungen (der Hugo-Stinnes Industrie- und Handels GmbH) gelang ihm in kurzer Zeit der Aufstieg ins gehobene Bürgertum. Obwohl Wirtschaftsrecht ihn eigentlich nicht interessierte, arbeitete er sich schnell in die für ihn ungewohnte Thematik ein. Seine ökonomischen Verhältnisse besserten sich zusehends, er wurde mit den Jahren wohlhabend. Best begnügte sich jedoch nicht damit, beruflich wieder Fuß gefasst zu haben. Mit Einverständnis und Förderung von Stinnes bemühte er sich weiterhin über viele Jahre hinweg, ehemaligen Kollegen und Mitarbeitern aus der Gestapo juristisch zur Seite zu stehen.
Bests Rolle als akademisch gebildeter nationalsozialistischer Funktionär und SS-Intellektueller mit beträchtlichem Gestaltungsraum blieb über Jahrzehnte hinweg unentdeckt, ehe Ulrich Herbert sie für seine Habilitationsschrift bis 1992 ausführlich untersuchte und 1996 in der erweiterten Fassung der Biographie Best veröffentlichte.
Herberts aufsehenerregende Habilitationsschrift, die „als eines der Standardwerke moderner Zeitgeschichtsforschung“ gilt, wurde zum Anknüpfungspunkt weiterer Studien etwa von Karin Orth, Michael Wildt oder Lutz Hachmeister. Diese Arbeiten konzentrierten sich auf die Lebensläufe, Karrieren und charakteristischen Merkmale, Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser NS-Führungskader der zweiten Reihe, deren wichtiger Beitrag zur Entstehung und zum Ablauf der Besatzungs- und Vernichtungspolitik des Dritten Reiches bis dahin übersehen worden war.